| Kommentar: Annas Sommer | |
Horst Königstein, Juli 2001 |
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Eine Frau überwindet
auf einer Insel Zeit und Raum. |
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Ein Haus voll Erinnerungen Die Story: Den Sommer verbringt
Anna (Angela Molina) im Haus ihrer Großeltern auf einer griechischen
Insel. Sie will es verkaufen - und so ihre Erinnerungen loswerden.
Denn alle Menschen, die sie geliebt hat, sind tot. Ihre jüdische
Großmutter kam im KZ um, ihr Vater starb in seiner Heimat und
vor einem Jahr verlor sie ihren Mann Max (Herbert Knaup). Anna spricht
mit den Toten, taucht in die Vergangenheit ein. Dann lernt sie den
attraktiven Nicola kennen und alles wird anders. |
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KINO / Annas Sommer" von
Jeanine Meerapfel im Obscura Eine Frau begegnet auf einer
Insel den verstorbenen Menschen ihrer Vergangenheit: Gute Lebensgeister |
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Niemand ist eine Insel Man braucht keinen
Swimmingpool in der Ägäis: Kaum angekommen im Ferienhaus
ihrer griechisch-jüdischen Großeltern; bereitet sich die
Photographin Anna Kastelano auf einen Abschied vor. Nach ihrem Vater
ist nun auch Annas spanischstämmige Mutter verstorben. Das idyllische
Haus auf einer griechischen Insel ist ihr zugefallen, doch ihr eigentliches
Erbe sind die Geister. Großmutter Anna, die in Theresienstadt
ermordet wurde, sitzt an der Ahnentafel wieder neben ihrem Mann, der
sie,vorangegangen ins Schweizer Exil, nicht freizukaufen vermochte. |
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ANNAS SOMMER
Anke Sterneborg |
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Film | Im Kino Der Tod ihres Mannes konfrontiert die fünfzigjährige Anna
mit Alter und Verlust. Sie verbringt den Sommer im seit Jahren schon
leer stehenden Haus ihrer Familie auf einer griechischen Insel und hängt
ihren Erinnerungen nach. Dabei folgt die Struktur von Annas Sommer" der
nicht-linearen und nicht-rationalen Funktionsweise des Gedächtnisses:
Schauplätze, Zeit und Figuren wechseln mitunter unvermittelt, in
ihrer Gesamtheit bilden die einzelnen Episoden jedoch nicht nur einen
historischen Verlauf ab, sondern verankern Annas Identität in einem
Geflecht kultureller Einflüsse und historischer Gegebenheiten: Geboren
als Tochter einer galizischen Jüdin und eines sephardischen Juden
aus Thessalonikii aufgewachsen in England und Spanien; mit einem Deutschen
verheiratet, als Fotografin immer unterwegs, trägt Anna ihren Namen
- nach ihrer in Auschwitz ermordeten Großmutter und der ersten
Liebe ihres Vaters - bereits in der dritten Generation. |
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| Die Freiheit der Erinnerung Abschied und Willkommen: Annas Sommer"; ein Film von Jeanine Meerapfel Diese Rückkehr ist wie eine Ankunft. Eigentlich war Anna, eine Frau um die Fünfzig, nur auf die malerische Insel im Agäischen Meer gekommen, um nach dem Tod der Mutter Erbschaftsangelegenheiten zu regeln und das Anwesen zu veräußern, in dem sie als Kind ihre Ferien in der Obhut der Großeltern verbracht hat. Nichts schien ihr ferner zu liegen, als das Land der Griechen mit der Seele zu suchen. Doch was immer sie tut, ob sie übers Meer blickt oder durchs Haus streift, ob sie nach Seeigeln taucht oder Feigen erntet, ob sie in einer alten Truhe kramt oder sich eine Fischsuppe kocht - stets ist sie umfangen von Erinnerungen, Vorstellungen, Emotionen, die sich festkrallen, ob sie will oder nicht. Diese Schübe ihrer Einbildungskraft bedrängen Anna freilich nicht, sie sind einfach gegenwärtig. Verschwindet, ihr Geister! murmelt sie, als sie die Läden aufstößt und das Licht hereinläßt, das sich über der Ägäis leuchtend aufgeladen hat und nicht zum letzten Mal in diesem Film die Kunst des Kameramanns Andreas Sinanos offenbart, die Farben strahlen zu lassen und ihnen trotzdem ihre Pastelltöne zu bewahren. Aber Anna zeigt kein Merkmal von Furcht bei solcherart fruchtloser Beschwörung. So ohne weiteres lassen sich die Geister nicht verscheuchen. Annas Sommer", der in seiner schwermütigen Poesie vollkommen unsentimentale und in seiner erzählerischen Struktur höchst ambitionierte Film von Jeanine Meerapfel - ohne Zweifel die überzeugendste Arbeit der Regisseurin bisher -, schiebt die Zeitebenen so ungeordnet ineinander, wie es die Erinnerung eingibt. Natürlich ist das Licht eines griechischen Sommers nicht zu verwechseln mit der regnerisch-trüben Stimmung eines Tags in Berlin, natürlich sieht es in einem Davoser Zauberberg-Sanatorium anders aus als im Londoner Exil, zwei Stationen der Biographie von Annas Vater. Aber ob Anna, während sie am Hafen mit Einheimischen ein paar Worte wechselt, sich gerade in der Gegenwart aufhält oder eingetaucht ist in den Strom ihrer Gedanken an früher, darauf brauchen die Bilder bewußt so wenig Mühe wie auf ein sichtbares Altern der Figuren zu verschwenden. Vergangenheit und Gegenwart sind eins. Und das Lächeln im Gesicht der Schauspielerin Anna Molina, deren außerordentliche Präsenz als Anna einst und jetzt diesen Film in all seinen Schattierungen aufhellt, ist das einzige Zeichen. Solange Annas Lebensgefährte Max, mit dem sie zärtliche Tage auf der Insel verbrachte, noch am Leben ist, scheint ihr Lächeln offen und gewinnend aufs erste Hinsehen; in der Gegenwart nun, nach dem jähen Tod von Max und kurz darauf nach dem Sterben der Mutter, furcht sich dieses Lächeln strenger, fast abweisend, als ob ein wenig Hochmut dahinterstünde. Das fortdauernde Gleiten zwischen Vorher und Nachher prägt die Erzählung. Es sei, sagt die Regisseurin und zugleich Drehbuchautorin, eine filmische Reise durch die Zeit, ohne konventionelle chronologische Ordnung und schon gar nicht mit Hinweistafeln auf Jahreszahlen oder Orte. Griechenland heute oder vor wenigen Jahren oder damals, als Anna noch ein Kind war: Berlin vor einem Jahr oder in der Zeit, als Benno Ohnesorg erschossen wurde und Max in Annas Leben trat; London, wo ihre Eltern sich kennenlernten, oder zuvor der Davoser Kuraufenthalt ihres Vaters, wo er sich in eine todkranke Frau gleichfalls namens Anna verliebte - all dies schiebt sich übereinander, als sei das eine die Folie des anderen. Jeanine Meerapfels Versuch, ihre Filmsprache dem schweifenden Ungefüge des Gedächtnisses anzugleichen, glückt auf staunenswert leichte und selbstverständliche Weise. Phantasie ist nicht linear", sagt die Regisseurin, und Erinnerung hat die Freiheit, die man nur mit Film versuchen kann wiederzugeben." So ist es nichts Besonderes, daß Anna am Strand einem Seeigel mit dem Messer zu Leibe rückt und - nur Augenblicke sichtbar für den Zuschauer - ihren Vater und Max gleichzeitig aus verschiedenen Lebensphasen neben sich weiß; daß die tote Mutter ihr beim Kochen über die Schulter sieht oder die ganze Familie sich bei der Kaffeetafel im Garten versammelt hat, als wollte die Regisseurin wenigstens einmal eine Orientierungshilfe für den Zuschauer geben. Wie beiläufig setzt sich das biographische Mosaik zusammen: mit dem Großvater und Patriarchen, einem griechischen Juden, der als Exporteur von Olivenöl und getrockneten Früchten zu Wohlstand kam, und mit Annas Großmutter, die auch schon Anna hieß und in Auschwitz ermordet wurde: mit Annas Vater Leon, in Thessaloniki geboren, der in London, wohin er sich vor den Nachstellungen der Nationalsozialisten flüchten mußte, eine Spanierin geheiratet hatte, die aber stets eine Fremde geblieben ist unter den griechischen Juden; und schließlich mit Anna selbst, in England geboren und nach der Trennung ihrer Eltern in Spanien aufgewachsen. Für sie trug Griechenland stets nur die Farbe der Ferien, aber nun, in dieser Zeitreise, die Anna unaufdringlich nötigt, Erinnerung als etwas zu begreifen, das beschwert, aber auch reicher macht", wie Jeanine Meerapfel sagt, keimt ein Gefühl, das die Insel eines Tages Heimat taufen könnte. Es sind die beredten, aber ganz unauffällig in Szene gesetzten kleinen Signale, die den Film Annas Sommer" so reich machen: das Berühren der Fingerkuppen als Zeichen der Zärtlichkeit zwischen Anna und Max; der wortkarge Disput, ob Knoblauch in die Fischsuppe gehöre oder nicht, als Ausdruck der Fremdheit zwischen Annas Vater und Mutter; das jähe Erstarren von Annas eben noch freundlichen Zügen, als sie wie nebenbei erfährt, daß der junge Fischer, mit dem sie sich ein paar unbeschwerte Stunden machte, der herangewachsenen Tochter ihrer Freundin Zoi versprochen ist. Diese Spielgefährtin aus Kindertagen, die nie die Insel verlassen konnte und Anna vertraut scheint wie ehedem, ist zugleich der Beweis, wie schnell Gemeinsamkeit sich aufbraucht: Im Grunde haben die beiden gleichaltrigen Frauen nicht einmal eine gemeinsame Sprache, weil Anna das Spanische und das Englische ungleich vertrauter sind als das Griechische. Gesichter, Gesten, Gefühle - Annas Sommer" schwelgt in Schwingungen, die keines anderen Ausdrucks bedürfen als des Widerscheins von Leid und langsam neu erwachender Lebensfreude im Auftreten Angela Molinas, und ruht in einer Landschaft, die wie Musik ist. Es gibt viele Tote zu beklagen für Anna. Gleichwohl ist dies ein Film über das allmähliche Schwinden der Trauer, des Trennungsschmerzes. Und wo immer zuviel Pathos droht, unterläuft es die Regisseurin mit einem Schlenker der Ironie. Zum Beispiel, wenn Anna die Interessenten für ihr Haus kurzerhand zum Teufel schickt. Solche Geister lassen sich bannen. Zwar wird sie, die von Beruf Fotografin ist, die Insel wieder verlassen müssen. Aber dieser Aufbruch ist kein Abschied. Hans-Dieter Seidel Frankfurter Allgemeine Zeitung, 9. Januar 2002 |
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| Gutachten des Bewertungsausschusses: Der Bewertungsausschuß hat dem Film einstimmig das höchste Prädikat erteilt. Jeanine Meerapfel gelang ein wahrhaft europäischer Film über europäische Geschichte, Sprache, Kultur und dies in der Tradition europäischer Erzählkunst. Ein kompliziertes, sehr kunstvoll arrangiertes Drehbuch fügt im Lauf des Films die vielschichtige Familiengeschichte der Kastelanos wie ein Puzzle zusammen. Das gibt dem Film seine Spannung und berührt den Zuschauer zutiefst. Als Anna nach dem Tod ihres Mannes aus Berlin in das ererbte Haus auf einer griechischen Insel zurückkehrt, will sie zunächst die allgegenwärtigen Geister ihrer Vorfahren vertreiben. Der von ihr geplante Verkauf des Hauses soll sie von ihrer Vergangenheit befreien. Aber die Erinnerungen sind stärker und so gelingt es ihr, mit den Geistern ihrer Vorfahren zu leben. Ein Schlüsselsatz im Film, auch begründet in der jüdischen Tradition, belegt dies: so lang Du über Deine Vorfahren sprichst und denkst, leben sie weiter. Eine besondere Qualität dieses Films ist, seine Geschichte nicht nur in Worten, sondern mit einer wunderbaren Bild- und Körpersprache zu erzählen. Immer wieder, wenn es Anna zuläßt, reihen sich die verstorbenen Mitglieder ihrer Familie in ihr Leben im Haus ein. Dazu kommen wichtige Stationen im Leben ihres Vaters und ihrer Mutter in Rückblenden. Alles in allem bekommt der Zuschauer ein komplexes Bild der Vergangenheit einer wahrhaft europäischen Familie und auch ihrer leidvollen Schicksale. Sehr interessant ist die Besetzung des Films, die darstellerischen Leistungen unter einer guten Führung sind präzis und glaubhaft. Die Kamera bietet gelungene Bilder der griechischen Landschaft, vermittelt viel Atmosphäre und ist auch einfühlsam bei Detailbildern. Ein Lob gilt auch der guten Ausleuchtung, der stimmigen Ausstattung und der schönen musikalischen Begleitung. Alles in allem ein filmisches Juwel von großer Kunstfertigkeit und inhaltlichem Reichtum. Im Entwurf gezeichnet: Adrian Kutter, Vorsitzender Als Beisitzer haben an der Begutachtung mitgewirkt: Hasso Hartmann, Kurt Johnen, Silke J. Räbiger, Gesa Rautenberg |
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Bibliographie:
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Drehbuch und Regie: Jeanine Meerapfel Kamera: Andreas Sinanos Ton: Eva Valiño Schnitt: Bernd Euscher Musik: Floros Floridis Darsteller: Anna (Angela Molina), Max (Herbert Knaup), Leon Kastelano (Dimitris Katalifos), Malena (Rosana Pastor), Anna Levi (Maria Skoula) Produktion: Dagmar Jacobsen, Integral Film, Berlin In Koproduktion mit: Jeanine Meerapfel Malena Films (Deutschland), Fanis Synadinos, FS Production (Griechenland), José Luis Borau, EL IMAN (Spanien), WDR, ARTE and ERT In Kooperation mit: CANAL + Spain Der Film wurde unterstützt
durch: Filmstiftung NRW, BKM, Filmboard Berlin- Brandenburg,
Greek Film Center, Ministerio de Educación y Cultura, Eurimages |
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